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1. Ein politisches Anliegen
Das von Samuel Huntington gezeichnete Krisenszenario
eines "clash of civilizations" ist kein unvermeidliches Schicksal. Da es
aber als Ergebnis von interkultureller Ignoranz, Gleichgültigkeit
und wechselseitigen Mißverständnissen durchaus Wirklichkeit
werden könnte, bedarf es gemeinschaftlicher Bemühungen interkultureller
Konfliktprävention. Dies war die Pointe in der Grußadresse,
mit der der Leiter des Bundespräsidialamtes, Staatssekretär Wilhelm
Staudacher, die von Bundespräsident Roman Herzog initiierte Konferenz
"Dialog der Kulturen" im Schloß Bellevue eröffnete. Die Konferenz,
so Staudacher, sei nicht allein von akademischem Interesse, sondern habe
auch unmittelbar politische Bedeutung. Durch einen institutionell unterstützten
kontinuierlichen und intensiven Dialog gelte es, gleichsam ein "Frühwarnsystem"
für interkulturelle Konflikte zu entwickeln und Spannungen möglichst
im Vorfeld offener Konflikteskalation abzubauen. Der hohe politische Stellenwert
der Tagung zeigte sich vor allem darin, daß insgesamt elf Staats-
und Regierungschefs - von Ägypten, Finnland, Deutschland, Indonesien,
Italien, Jordanien, Malaysia, Marokko, Norwegen, Österreich und Spanien
- die Schirmherrschaft übernommen hatten.
Die organisatorische Durchführung der Konferenz
oblag dem Deutschen Orient-Institut in Hamburg unter Leitung von Udo Steinbach.
In seinem einführenden Vortrag unterstrich auch Steinbach den politischen
Charakter der Veranstaltung. Er stellte klar, daß die Konferenz keinen
geschlossenen "Club" der bislang beteiligten Institute etablieren wolle,
sondern für weitere Teilnehmer offen sei. Bei aller Bedeutung, die
er dem Dialog zumaß, plädierte Steinbach zugleich für pragmatische
Bescheidenheit in der Zielsetzung. Nicht um die Erarbeitung eines umfassenden
Weltethos gehe es, sondern um einen ersten Schritt auf dem Weg zur Entwicklung
eines Forums für interkulturellen Dialog. Fortsetzungskonferenzen
seien daher bereits vorgesehen.
Das Programm der Konferenz war dicht und bestand
aus fünf Themenschwerpunkten, zu denen insgesamt gut zwanzig Referate
vorgetragen wurden. Die thematischen Schwerpunkte lauteten:
I. Gemeinsame Werte und fortschrittliche Denkströmungen:
konzeptionelle Dimensionen in der Beziehung zwischen muslimischen und westlichen
Gesellschaften,
II. Zur praktischen Implementierung des interkulturellen
Dialogs: die Rolle von Erziehung und Wissenschaft,
III. Die Rolle der Medien in den interkulturellen
Beziehungen,
IV. Bedingungen der Toleranz in muslimischen und
westlichen Gesellschaften: Minderheitensituationen und interkultureller
Dialog,
V. Gemeinsamer Kampf für eine gerechte und
tragfähige Weltordnung: soziale Wirtschaft, nachhaltige Entwicklung
und Sorge für die Umwelt.
Die Konferenz schloß mit der Verabschiedung
einer "Berliner Erklärung. Agenda für künftiges Handeln",
in der einige konkrete Ziele des interkulturellen Dialogs - und zwar geordnet
entlang den thematischen Schwerpunkten der Konferenz - festgehalten wurden.
Zu den Zielen gehören u.a. Verbesserungen in der interkulturellen
Bildung, interkulturelle Austauschprogramme für Wissenschaftler und
Journalisten, die Einrichtung einer Beobachtungsinstanz der Medienberichterstattung,
Förderung des Respekts gegenüber religiösen und kulturellen
Minderheiten, gemeinsame wissenschaftliche Projekte in unterschiedlichen
Disziplinen.
Die folgende Darstellung orientiert sich nicht
an der Chronologie des Konferenzverlaufs, sondern stellt einen Versuch
dar, die Vielfalt der Positionen, wie sie in den Diskussionen zutage getreten
sind, in ihren Hauptlinien wiederzugeben und nach einigen systematischen
Gesichtspunkten zu ordnen. Ein Anspruch auf Vollständigkeit besteht
nicht. Für die systematisierende Anordnung, die nicht ohne persönliche
Deutungen und Gewichtungen geschehen kann, ist allein der Verfasser verantwortlich.
2. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit:
die strukturellen Bedingungen des Dialogs
Interkultureller Dialog ist ein mühsames Geschäft.
Er ist nicht nur belastet durch Vorbehalte, Stereotypen und historische
Kränkungserfahrungen, aus denen nicht selten wechselseitiges Mißtrauen
erwächst. Vielleicht schwieriger noch: Es bestehen vielfach strukturelle
Asymmetrien, die sich auch bei bestem Willen aller Beteiligten nicht einfach
ausräumen lassen und das Ziel des Dialogs womöglich gefährden.
Es ist daher unvermeidlich, daß die normativen und strukturellen
Bedingungen des Dialogs im Dialoggeschehen selbst mit reflektiert und diskutiert
werden. Was sind die normativen Prämissen des Dialogs? Wer definiert
diese Prämissen? Gibt es konsensfähige Verfahrensregeln? Was
soll geschehen, wenn Anspruch und Wirklichkeit des Dialogs allzu weit auseinanderklaffen?
Peter Graf, Professor für interkulturelle
Pädagogik an der Universität Osnabrück, zeichnete eingangs
den Rahmen für einen gelingenden Dialog. Dabei griff er u.a. auf Martin
Bubers Ich-Du-Philosophie zurück und betonte mit Buber die Wichtigkeit
des Zuhörens, das die Fähigkeit auch zum Schweigen einschließe.
Nachdrücklich wies er darauf hin, daß der Dialog zuallererst
ein "Weg" sei, d.h. ein Lernprozeß, der von der allseitigen Bereitschaft
zur Veränderung getragen werden müsse. In allen Religionen und
Kulturen gebe es die Idee eines solchen Weges, im islamischen Kontext "tariqa"
genannt. Graf zitierte ein asiatisches Sprichwort: "Wenn die Winde des
Wandels wehen, errichten die einen Mauern dagegen, während die anderen
Windmühlen in Bewegung setzen."
Der Religionspädagoge Reijo E. Heinonen (Universität
Joensuu in Finnland) stellte eine Liste normativer Prinzipien für
den interreligiösen (und analog auch den interkulturellen) Dialog
auf. Zu diesen Prinzipien zählte er u.a. den Verzicht auf abstrakte
Generalisierungen der jeweils anderen Religion, die Berücksichtigung
des innerreligiösen Pluralismus auf allen Seiten sowie Fairneß
bei interreligiösen Vergleichen, bei denen unterschiedliche Vergleichsebenen
nicht miteinander vermengt werden dürften. Als wichtigstes Ziel des
Dialogs nannte Heinonen ein vertieftes Bewußtsein bestehender interreligiöser
Gemeinsamkeiten.
Etwas stärker konfliktorientierte Akzente
setzte demgegenüber Thierry Fabre vom Maison Méditeranéenne
des Science de l'Homme in Aix-en-Provence. Er plädierte für ein
Konzept "interkultureller Interaktion", das auf Prinzipien der Gleichheit
und Reziprozität beruhen und außerdem kulturessentialistischen
Tendenzen zur Fixierung bestimmter kultureller Identitäten entgegenwirken
solle. Im interkulturellen Dialog handele es sich um eine "Polyphonie",
in der Tonhöhe und Lautstärke der einzelnen Stimmen nicht von
vornherein feststehen, sondern zwischen den Beteiligten erst ausgehandelt
werden müssen. Daß eine solche offene Polyphonie nicht immer
harmonisch verlaufen kann, versteht sich von selbst.
Während im Blick auf die normativen Vorbedingungen
des Dialogs weitgehende Einigkeit zu bestehen schien, entspann sich eine
längere Kontroverse um die Frage, ob unter den Vorzeichen der bestehenden
ökonomischen und politischen Ungleichheit zwischen dem Westen und
den meisten islamisch geprägten Ländern ein wirklicher interkultureller
Dialog überhaupt sinnvoll sei. Angestoßen wurde die Debatte
durch das Referat von Ismail bin Haji Ibrahim, Generaldirektor des Institute
of Islamic Understanding in Kuala Lumpur, der mit Hinweis auf die aktuelle
Finanzkrise in Südostasien die einseitige Abhängigkeit der islamischen
Länder vom übermächtigen Westen beklagte. Bevor man in einen
ernsthaften interkulturellen Dialog eintreten könne, so seine Forderung,
müsse das Problem der ökonomischen Ungleichheit und Abhängigkeit
angesprochen werden. Auch andere Redner verwiesen wiederholt auf das enorme
ökonomische und politische Machtgefälle zwischen westlichen und
islamischen Ländern, das den Dialog, wenn nicht unmöglich mache,
so doch belaste und gefährde. Ahmad Ramzi, Mitglied der Akademie des
Königreichs Marokko, warf rhetorisch die Frage auf, ob die sogenannte
Globalisierung nicht faktisch auf eine Vorherrschaft der USA hinauslaufe,
angesichts derer kulturelle Vielfalt - und damit die Voraussetzung jedes
interkulturellen Dialogs - im Kern bedroht sei. Peter Graf gab zusätzlich
zu bedenken, daß Ungleichheitsverhältnisse, die z.B. aus der
prekären Rechtsstellung muslimischer Migranten in Europa resultieren,
auch innerstaatlich den Dialog erschweren. Bestritten wurden die Probleme
von niemandem. Unterschiedliche Auffassungen gab es hingegen in der Frage,
wie damit umzugehen sei. Für die muslimische Seite plädierte
Mohammed Arkoun, emeritierter Professor für Geschichte des islamischen
Denkens an der Pariser Sorbonne, dafür, aus dem fruchtlosen "Opferdiskurs"
auszubrechen. Statt die Überwindung einseitiger ökonomischer
und politischer Abhängigkeiten zur Voraussetzung des interkulturellen
Diskurses zu erheben, gelte es, die emanzipatorischen Kräfte der Kultur
zu entdecken und in konkreter politischer Kritik fruchtbar zu machen. Ahmed
Ramzi äußerte demgegenüber die Befürchtung, daß
der interkulturelle Dialog ohne die Thematisierung des gegebenen Machtgefälles
die Tendenz zur blinden Nachahmung des westlichen Modells, die gegenwärtig
in den islamischen Ländern zu beobachten sei, noch verstärken
werde.
3. Anfragen an das Konzept des
westlich-islamischen Kulturdialogs
Der Titel der Tagung war zugleich Programm: "Dialog
der Kulturen". Dieser Titel wirft indessen Fragen auf: Wer repräsentiert
die Kulturen? Wie kann der interne Pluralismus innerhalb der Kulturen angemessen
berücksichtigt werden? Gibt es Raum für Minderheiten, Dissidenten,
Grenzgänger und Konvertiten auf allen Seiten? Auch der Untertitel
der Konferenz - "die Zukunft der Beziehungen zwischen westlichen und islamischen
Gesellschaften" - gab Anlaß für Rückfragen. Nicht alle
Teilnehmer waren mit der Gegenüberstellung von "Westen" und "Islam"
zufrieden. Andrea Pacini, Religionshistoriker von der Agnelli-Stifung in
Turin, machte darauf aufmerksam, daß die Begriffe "westlich" und
"islamisch" nicht auf der gleichen Ebene stünden. Dem Begriff des
"Westens", einer zunächst geographischen Kategorie mit zugleich kulturellem
Bedeutungsgehalt, sei der eindeutig religiöse Begriff "Islam" gegenübergestellt
worden. Diese asymmetrische Konstellation habe allerdings, so betonte Pacini,
ihren Grund in der Sache selbst, weil die christlich geprägten europäischen
Gesellschaften ihre normativen Ordnungen und Institutionen heute nicht
mehr unmittelbar aus religiösen Quellen entwickeln, während in
den islamisch geprägten Ländern die Religion in weitaus stärkerem
Maße bis heute die normativen und institutionellen Strukturen der
gesamten Gesellschaft bestimme. Im Anschluß an Pacinis Ausführungen
klagte Samir Khalil Samir von der Universität Saint-Joseph in Beirut
darüber, daß er als aus Ägypten stammender arabischer Christ
mit dem Tagungstitel Probleme habe. Denn da er weder Westler noch Muslim
sei, gebe es für ihn und seinesgleichen im Tagungstitel eigentlich
keinen Ort.
Von ganz anderer Warte her intervenierte Thierry
Fabre. Er übte Kritik an der "Legende" des Abendlandes, die in der
Gegenüberstellung zum Morgendland dazu geführt habe, das kulturelle
Beziehungsgefüge des Mittelmeerraumes auseinanderzureißen. Fabre
legte außerdem Wert auf die Feststellung: "Ich bin Franzose und nicht
einfach westlich." Ähnlich äußerte sich Mohammed Arkoun,
der Europa nicht in einem abstrakten Konzept des Westens verschwinden sehen
wollte. Maribel Fierro, Professorin für Arabistik am Hohen Rat für
wissenschaftliche Forschung in Madrid, machte darauf aufmerksam, daß
die Zugehörigkeit Spaniens zum Westen noch vor wenigen Jahrzehnten
alles andere als klar war. Daß Spanien mittlerweile ganz selbstverständlich
zum Westen gehöre und derzeit sogar den Generalsekretär der NATO
stelle, sei ein Beispiel dafür, wie rapide sich kulturelle Zuordungen
verändern können.
Die kritischen Anfragen an das Konzept des "westlich-islamischen
Kulturdialogs" führten nicht zu positiven Gegenvorschlägen, die
vermutlich ebenfalls Probleme von Vereinnahmung und Ausschluß mit
sich bringen würden. Wollte man beispielsweise die von Fabre favorisierte
Konzeption der mediterranen Nachbarschaft zur Grundlage des interkulturellen
Dialogs machen, wären in der Konsequenz die Teilnehmer aus Südostasien
ausgeschlossen. Es scheint von daher schwierig zu sein, eine plausible
Alternative zum Konzept des "westlich-islamischen" Dialogs zu formulieren.
Allerdings hat die Debatte einmal mehr gezeigt,
wie wichtig es ist, kulturessentialistische Fixierungen aufzubrechen, durch
die die Gesprächsteilnehmer entweder vorgängig auf eine bestimmte
kulturelle bzw. religiöse Orientierung festgelegt oder kategorial
aus dem Diskurs ausgegrenzt werden. Um es mit den Worten von Ziauddin Sardar,
einem in London lebenden Kulturkritiker indischer Herkunft zu sagen: Es
gilt, den "Dialog" aus seiner konzeptionellen Bipolarität zu befreien
und zum offenen "Polylog" zu erweitern, in dem Menschen nicht nur als Repräsentanten
vorgegebener Kulturen sprechen, sondern gegebene kulturelle Kontexte verändernd
mitgestalten und historische Grenzen überschreiten können.
4. Aufdeckung und Überwindung
von Stereotypen
Ein Hauptanliegen der Konferenz bestand darin,
Vorurteile, Stereotypen und Feindbilder aufzubrechen, die, wenn sie unaufgeklärt
bleiben, zu einem "clash of civilizations" führen könnten. Dies
ist wiederum keine leichte Aufgabe. Denn, so wäre zu fragen: Wo verläuft
die Grenze zwischen einem legitimen Urteil und einem problematischen Vorurteil?
Gibt es eine solche Grenze überhaupt? Enthält nicht jedes Urteil
notwendig einen Aspekt von Generalisierung, ohne den Begriffsbildung von
vornherein unmöglich wäre? Wie aber läßt sich dann
verhindern, daß die unvermeidlichen Generalisierungen sich zu erfahrungsresistenten
Stereotypen verfestigen? Bezogen auf das Verhältnis zwischen "westlichen"
und "islamischen" Gesellschaften stellen sich beispielsweise folgende Fragen:
Welchen Sachgehalt haben die wechselseitigen Vorbehalte, etwa die Angst
vieler Muslime vor einem Moral und Glauben auflösenden westlichen
Säkularismus oder die komplementäre Angst im Westen vor islamischem
Autoritarismus und Fundamentalismus? Handelt es sich bei solchen Ängsten
um bloße Projektionen? Resultieren sie aus bestimmten (vielleicht
einseitigen) Erfahrungen oder aus einem Mangel an jedweder wirklichen Erfahrung?
Gibt es bewußt konstruierte Feindbilder, mit denen politische Interessen
bedient werden? Welche Rolle spielen die Medien bei der Konstruktion und
Verfestigung oder auch bei der Überwindung wechselseitiger Stereotypen?
Mohammed Arkoun diagnostizierte als eine wichtige
Ursache des Problems das Versagen der Kulturwissenschaften. Die wechselseitige
Befruchtung der monotheistischen Religionen im Mittelalter sei heute fast
vollständig vergessen und spiele weder in den akademischen Debatten
noch im allgemeinen öffentlichen Bewußtsein irgendeine Rolle.
In ähnlicher Richtung äußerte sich Thierry Fabre, der zugleich
einseitige Schuldzuweisungen überwinden wollte. Nicht nur werde nach
wie vor der Beitrag des Islams für die Entwicklung der europäischen
Philosophie ignoriert; komplementär dazu werde von muslimischer Seite
häufig auch der Einfluß der griechischen Philosophie innerhalb
des islamischen Denkens geleugnet. Deutlich andere Akzente setzte hingegen
Maribel Fierro. Ohne die Bedeutung kulturwissenschaftlicher Studien zu
leugnen, mahnte sie, daß man die Kulturwissenschaften als Medium
politischer Versöhnung nicht überschätzen dürfe. Der
in Spanien mittlerweile häufig beschworene Mythos von "al-Andalus"
ändere nichts daran, daß Christen und Muslime einander in Spanien
mit Mißtrauen gegenüberstehen, weil sie die jeweils andere Gruppe
überhaupt nicht mit der glorifizierten Ära der christlich-jüdisch-islamischen
Koexistenz in Beziehung bringen.
Gewiß nicht weniger problematisch als die
Vernachlässigung des gemeinsamen kulturellen Erbes ist die Ignoranz,
mit der Menschen einander heute begegnen - genauer gesagt: nicht begegnen.
Angesichts der verbreiteten kulturellen Ignoranz warnte Paolo Magri, Genersalsekretär
der Instituts für Internationale Politische Studien in Mailand, vor
einem leichtfertigen Gebrauch des Begriffs der multikulturellen Gesellschaft.
"Es gibt wenige wirklich multikulturelle Gesellschaften", lautete seine
skeptische Diagnose. Nadhir al-Ansari von der Al-Bayt Universität
in Jordanien äußerte sein Bedauern darüber, daß kaum
jemals westliche Wissenschaftler den Weg zu den Universitäten der
islamischen Länder finden, während umgekehrt zahlreiche Muslime
an europäischen und amerikanischen Universitäten studieren und
arbeiten. Wie kränkend die Erfahrung der Ignoranz sein kann, schilderte
Ahmed Kamal Abulmagd, emeritierter Professor für Rechtswissenschaft
an der Universität Kairo. Er habe wiederholt erlebt, daß er
an westlichen Universitäten zwar das Wort ergreifen durfte, ohne jedoch
mit seinen inhaltlichen Aussagen ernst genommen zu werden. "Man kann die
Gesichter der Zuhörer lesen", sagte er. Und dann merke man, daß
die Anwesenden nur aus Höflichkeit, nicht aber aus wirklichem Interesse
zuhören. Diese immer wieder erfahrbare Ignoranz, so sein Eindruck,
resultiere aus dem Machtungleichgewicht zwischen westlichen und islamischen
Ländern, auf das auch andere Redner wiederholt hinwiesen. Im Zeitalter
der sogenannten Globalisierung werde dieses Machtungleichgewicht nicht
etwa abgebaut, sondern sogar noch verschärft. Dementsprechend äußerte
sich Abulmagd eher skeptisch gegenüber ehrgeizigen Dialogprojekten.
Zunächst einmal gelte es, den ersten Schritt zu tun und die Andersartigkeit
des Anderen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, was bislang noch wenig
geschehen sei. Erst dann könne man zur Suche nach möglichen Gemeinsamkeiten
schreiten.
Weitaus schärfer als Abulmagd beklagte Ahmed
Ramzi das negative Bild des Islams im Westen. Er machte namentlich den
westlichen Orientalismus und den europäischen Kolonialismus für
die Mißverständnisse verantwortlich. Außerdem sah er den
Einfluß der pro-israelischen Lobby in der Politik und in den Medien
des Westens am Werk. Die Freiheit der Medien werde oftmals mißbraucht,
um Stereotypen zu propagieren. Widerspruch gegen Ramzis Diagnose kam u.a.
von Samir Khalil Samir, der darauf bestand, daß die Orientalisten
nicht nur Mißverständnisse verursacht, sondern auch zur interkulturellen
Verständigung beigetragen hätten. Ferner betonte er, daß
auch die arabischen Medien oftmals ein Negativbild des Islams zeichneten,
das teilweise drastischer ausfalle als die anti-islamischen Klischees im
Westen.
Wenig diskutiert wurde die Kehrseite des Problems,
nämlich das Bild des Westens in den islamisch geprägten Ländern.
Immerhin verwies Ziauddin Sardar darauf, daß Stereotypen auch im
islamischen Kontext eine große Rolle spielen. So werde der Westen
von islamistischen Autoren wie Mawdudi und Sayyid Qutb als die Quelle allgemeiner
moralischer Dekadenz namhaft gemacht. Komplementär zu solcher Dämonisierung
existiere zugleich eine völlig kritiklose Bewunderung des Westens,
dessen Kultur und Lebensstil viele Muslime vorbehaltlos übernehmen
wollten.
Ein konfliktträchtiges Thema, das auf der
Konferenz vergleichsweise wenig zur Sprache kam, stellt der religiöse
Fundamentalismus dar, der im Westen vor allem mit dem Islam konnotiert
wird. Mehrere muslimische Konferenzteilnehmer äußerten ihr Unbehagen
über den Begriff des Fundamentalismus, der nicht zuletzt auch deshalb
zu Mißverständnissen führen müsse, weil er im Arabischen
eigentlich als positives Prädikat fungiere. Alwi Shihab aus Jakarta
plädierte dafür, statt von Fundamentalismus lieber von islamischem
Extremismus zu sprechen. Daß es einen solchen, teils gewalttätigen
Extremismus gibt und daß er sich derzeit sehr belastend auf den interkulturellen
bzw. interreligiösen Dialog auswirkt, wurde von niemandem in Frage
gestellt. Nach Einschätzung von Obbjorn Leirvik (Theologische Fakultät
der Universität Oslo) sind aufgrund des christlichen wie des islamischen
"revivalism" die Dialogchancen in den letzten zwanzig Jahren eher schlechter
geworden.
Was bleibt zu tun? Immer wieder wurde auf die Notwendigkeit
von Selbstkritik hingewiesen. "Wir brauchen Fenster und Spiegel", betonte
Kamal Abulmagd wiederholt. Thierry Fabre warb für sein Konzept interkultureller
"Nachbarschaft", in dem es auch eine gemeinsame Streitkultur zu entwickeln
gelte. Mohammed Arkoun wiederum forderte eine verbesserte "intellektuelle
Ausstattung" vor allem in den Kulturwissenschaften. Nadhir al-Ansari wünschte
sich mehr Kooperation und Austausch zwischen den Universitäten. Als
wichtiger Faktor wurden auch Schulbücher und andere Lehrmaterialien
genannt. Paolo Magri plädierte für Projekte des Jugendaustausches
zwischen westlichen und islamischen Ländern, analog zu dem erfolgreichen
Erasmus-Programm der Europäischen Union. Eine große Verantwortung
wurde schließlich den Medien zuerkannt, die bei der Überwindung
der wechselseitigen Sprachlosigkeit eine zentrale Rolle spielen müßten.
5. Die Rolle der Medien
Auf die Bedeutung der Medien wird in interkulturellen
Dialogveranstaltungen regelmäßig verwiesen. Oft bleiben die
Hinweise allerdings sehr allgemein. Der große Einfluß, den
man den Medien attestiert, schlägt nicht selten um in pauschale Journalistenschelte,
gelegentlich sogar in eine regelrechte Dämonisierung der Massenmedien,
die die Versuchung zu autoritären Lösungsvorschlägen nähren
kann. Es gehört zu den Vorzügen der Berliner Konferenz, daß
sie die Rolle der Medien ausdrücklich zu einem Themenschwerpunkt erhoben
hat, um differenzierte Einschätzungen von Möglichkeiten und Grenzen
journalistischer Arbeit im interkulturellen Dialog zu gewinnen.
Kai Hafez vom Deutschen Orient-Institut stellte
in seinem Referat heraus, daß die Medien nicht nur Instrumente, sondern
selbständige Akteure in der Politik seien. Besonderen Einfluß
hätten sie in außenpolitischen Fragen, in denen die Menschen
kaum über eigene Erfahrungen verfügten. Die für eine korrekte
Berichterstattung unerläßliche Freiheit der Medien werde auch
im Westen durch ökonomische und politische Abhängigkeiten konterkariert.
Vor allem in Kriegs- und Krisensituationen sei die Wahrheit oft das erste
Opfer. Hafez nannte es ein Paradox, daß im Zeitalter der Globalisierung
die Zahl der Auslandskorrepondenten abnehme und die Abhängigkeit von
wenigen Nachrichtenagenturen dementsprechend wachse. Er schloß seine
Ausführungen mit einigen konkreten Vorschlägen, z.B. der Empfehlung,
Austauschprogramme für Journalisten aus unterschiedlichen kulturellen
Kontexten einzurichten.
Ziauddin Sardar, der selbst sowohl in europäischen
wie in muslimischen Ländern journalistische Erfahrung gesammelt hat,
forderte eine stärkere Mitwirkung der Muslime in den Massenmedien,
denen bekanntlich eine wichtige Definitionskompetenz in politischen Fragen
zukomme. Daß nach fünfzig Jahren politischer Unabhängigkeit
viele islamische Länder noch immer keine eigenständige Medienkultur
entwickelt hätten, sei beschämend und müsse Anlaß
für eine ernste islamische Selbstkritik sein. Auch in den westlichen
Medien seien Muslime massiv unterrepräsentiert. Mehrere muslimische
Teilnehmer stimmten Sardar zu. Kamal Abulmagd appellierte daher an die
Verantwortung muslimischer Wissenschaftler, an der Überwindung anti-islamischer
Stereotypen publizistisch mitzuwirken. Mahmoud Farghal vom ägyptischen
Außenministerium verwies in diesem Zusammenhang noch einmal auf das
ökonomische Ungleichgewicht zwischen westlichen und islamischen Ländern,
das sich auch in der ungleichen Medienmacht niederschlage.
Jacques Waardenburg, emeritierter Professor für
Religionswissenschaft an der Universität Lausanne, warb für eine
bessere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Journalisten, von
der beide Seite nur gewinnen könnten. Daß die fachliche Bildung
der Journalisten durchaus zur Qualitätssteigerung beitragen könne,
betonte auch Thomas Hartmann vom Berliner "Haus der Kulturen der Welt".
Seiner Einschätzung nach gibt es bereits beachtliche Fortschritte
in den Hintergrundberichten zu islamischen Ländern. Problematisch
seien vor allem die vielfach zugespitzten Kurzberichte und "headlines".
6. Religion und Säkularität
Es gibt kaum einen Begriff, der gegensätzlicheren
Deutungen unterworfen ist als der Begriff der Säkularität. Dies
gilt schon für den innerwestlichen Diskurs, erst recht aber für
interkulturelle Debatten. Bezeichnet die Säkularität einen "neutralen"
Ort jenseits religiöser und weltanschaulicher Differenzen, oder verschleiert
sie mit dem Anspruch des Universalismus nur ihre eigene Parteilichkeit?
Geht der Prozeß gesellschaftlicher Säkularisierung mit einem
Verfall aller moralischen Werte einher, oder führt die Säkularisierung
lediglich zu einer Veränderung sittlicher Wertvorstellungen? Läuft
die Säkularität von Staat und Recht auf die Privatisierung und
ergo Entmächtigung der Religionen hinaus, oder schafft sie neue Entfaltungschancen
religiösen Glaubens auch in der allgemeinen gesellschaftlichen und
politischen Öffentlichkeit?
Eine wichtige Facette, in der das Thema der Säkularität
zur Sprache kam, war das Verhältnis von wissenschaftlicher Vernunft
und religiösem Glaube. Für eine neue Vermittlung zwischen beiden
plädierte Mohammed Arkoun. Er verwarf sowohl die unkritischen religiösen
Orthodoxien als auch die Anmaßungen einer religionslosen Aufklärung.
"Ist es etwa Aufklärung", so warf er ein, "wenn die Religion aus den
französischen Universitäten verbannt ist?" Es gelte, das Religiöse
als fundamentale anthropologische Dimension zu studieren und wirksam werden
zu lassen. Khalijah Mohd. Salleh, Professorin der Physik aus Kuala Lumpur,
kritisierte die "Abstraktheit" des westlichen Wissenschaftsverständnisses,
in der kein Raum für moralische und spirituelle Werte sei. Sie machte
sich deshalb stark für ein "holistisches" Verständnis, in dem
die Methoden und Einsichten der Wissenschaften bewahrt und zugleich mit
ethischen und religiösen Dimensionen in Verbindung gebracht sind.
Während Ismail bin Ibrahim diesen Ansatz nachdrücklich unterstützte,
wandte Khalil Samir ein, daß man unterschiedliche Ebenen nicht vermischen
dürfen. "Wir Araber", so sagte er, "vermischen alles mit allem". Genau
diese mangelnde Differenzierungsbereitschaft sei die Ursache der Rückständigkeit
in vielen Ländern. Gegen Samirs Position warf Ziauddin Sardar ein,
daß die säkulare Wissenschaft alles andere als ideologiefrei
sei. Vielmehr handele es sich auch bei der angeblich "neutralen" Wissenschaft
um eine Form von Weltanschauung, deren universaler Herrschaftsanspruch
kritisch aufgedeckt werden müsse.
Volker Nienhaus, Wirtschaftswissenschaftler von
der Universität Bochum, legte in seinem Referat dar, daß auch
die Sozialwissenschaften auf der Basis normativer Prämissen operieren.
Diese im Grunde alte Einsicht sei im Anschluß an Max Webers Postulat
einer "wertfreien Wissenschaft" vor allem im angelsächsischen Raum
weithin vergessen worden. Da die wissenschaftliche Rationalität, die
als Verfahren unverzichtbar und transkulturell gültig sei, an immanente
Grenzen stoße, müsse man einer Vielfalt ethischer, religiöser
und weltanschaulicher Konzepte Raum geben. Von diesem Ansatz her würdigte
Nienhaus auch Projekte des "Islamic banking", die zwar hinter den selbstgesetzten
Zielen zurückgeblieben seien, aber durchaus auch Erfolge aufweisen
könnten. Auch in den Wirtschaftswissenschaften gebe es von daher Chancen
interkulturellen Lernens.
Am ausführlichsten wurde der Begriff der Säkularität
im Kontext von Politik, Recht und Staat diskutiert. Andrea Pacini plädierte
für eine klare Unterscheidung zwischen dem allgemeinen Prozeß
gesellschaftlicher Säkularisierung (verstanden als gesellschaftlicher
Bedeutungsverlust der Religionen) einerseits und dem spezifisch politischen
Konzept einer institutionellen Trennung von Religionsgemeinschaften und
Staat andererseits. Beide Phänomene seien keineswegs notwendig miteinander
gekoppelt. Es gebe Beispiele dafür, daß die Säkularität
von Recht und Staat gerade nicht zum Bedeutungsverlust des Religiösen
in der Gesellschaft geführt hätte (man denke an die USA), während
umgekehrt die Verweigerung staatlicher Säkularität die Tendenzen
gesellschaftlicher Säkularisierung beschleunigen könne. Ein Beispiel
für die letztere Möglichkeit bot Maribel Fierro, die darauf hinwies,
daß die politische Instrumentalisierung des Christentums in der Franco-Ära
eine stark anti-klerikale Strömung in Spanien freigesetzt habe.
Nachdrücklich für die Säkularität
von Staat und Recht setzte sich Samir Khalil Samir ein. Die in fast allen
arabischen Staatsverfassungen enthaltene Bestimmung, wonach die Scharia
als Quelle der Gesetzgebung diene, impliziere von vornherein eine Diskriminierung
der Minderheiten. Während Angehörige nicht-islamischer Offenbarungsreligionen
immerhin auf Toleranz rechnen könnten, werde den "Ungläubigen"
überhaupt kein Platz in der Staatsordnung eingeräumt. Kamal Abulmagd
widersprach dieser Interpretation. Er wollte die Scharia-Klauseln in den
arabischen Staatsverfassungen als lediglich allgemeine Referenz zur landesüblichen
Rechtstradition, vergleichbar etwa dem britischen common law, verstanden
wissen. Eine autoritäre "Theo-Demokratie", wie sie von Mawdudi und
anderen Islamisten propagiert worden sei, lehnte er entschieden ab. Widerspruch
gegen Samir kam auch von Ziauddin Sardar. Er erhob den Vorwurf, daß
Samir seinerseits eine politische Ideologie propagiere, wenn er eine allgemeine
"Konversion zum Säkularismus" verlange. Heiner Bielefeldt von der
Universität Bielefeld schlug sich demgegenüber auf die Seite
von Samir, indem er darauf aufmerksam machte, daß die Säkularität
als politisch-rechtliches Konzept (im Unterschied zum ideologischen Säkularismus
beispielsweise Auguste Comtes) gerade keinen umfassenden weltanschaulichen
Anspruch erhebe, sondern die Kehrseite der allgemeinen Religions- und Weltanschauungsfreiheit
darstelle. Die politisch-rechtliche Säkularität des demokratischen
Verfassungsstaates biete deshalb die Basis nicht nur für eine Zurückweisung
theokratischer Herrschaftsansprüche, sondern auch für den Kampf
gegen politische Dominanzanmaßungen des weltanschaulichen Säkularismus.
Zur Komplexität der Debatte trug die Tatsache
bei, daß auch die staatskirchlichen Ordnungen Englands und Norwegens
in Referaten vorgestellt und diskutiert wurden. Ataullah Siddiqui von der
Islamic Foundation in Leicester führte das anglikanische staatskirchliche
System allerdings lediglich als Referenzordnung an, auf die hin auch die
muslimischen Minderheiten in England ihr religiöses Leben organisieren.
Eine Kritik des Staatskirchentums formulierte er nicht. Demgegenüber
enthielt das Referat von Obbjorn Leirvik und Kari Vogt (beide von der Universität
Oslo) deutliche Kritik an der offiziellen Identifikation des norwegischen
Staates mit der lutherischen Kirche, die sowohl zu einer unglücklichen
Politisierung der Religion als auch zu Ausgrenzung bzw. Zwangsintegration
religiöser Minderheiten führen könne. Die Referenten sprachen
sich deshalb für die Abschaffung der Staatskirche in Norwegen aus,
also für einen Weg, den jüngst auch Schweden gegangen sei.
Die ausführliche Diskussion des englischen
und mehr noch des norwegischen staatskirchlichen Systems half, das verbreitete
Klischee zu überwinden, wonach in Europa Religion und Staat generell
getrennt seien. Im Gegenzug wurde deutlich, daß das Verhältnis
von Staat, Recht und Religion auch im islamischen Kontext komplex und für
Veränderungen offen ist. Die verbreitete Ansicht, daß im Islam
Staat und Religion eine ununterscheidbare Einheit ("din wa dawla") bildeten,
sei, wie Mohammed Arkoun betonte, nichts anderes als ein Vorurteil, das
durch kritische Untersuchungen dringend korrigiert werden müsse.
7. Zur Situation religiöser
Minderheiten
Daß die Rechte religiöser Minderheiten
geachtet werden müssen, ist ein fast universal anerkanntes Postulat.
Schwierig wird es indessen, sobald es darum geht, diese Rechte im einzelnen
inhaltlich zu bestimmen. Sollen religiöse Minderheiten das Recht haben,
eigene Schulen zu bilden? Sollen sie im allgemeinen, öffentlichen
Schulsystem ihren eigenen Religionsunterricht in Anspruch nehmen können?
Wenn ja, wer soll diesen Unterricht durchführen und kontrollieren?
Bis zu welchem Grad sollen bzw. können die Sprachen der Minderheiten
staatlich gefördert werden? Wieweit kann der Staat es hinnehmen, daß
religiöse Minderheiten ihren eigenen Rechtsregeln folgen? Außerdem
stellt sich die Frage nach der normativen Grundlage der Rechtsgewährleistung:
Haben Minderheitenrechte ihren normativen Grund im allgemeinen ("säkularen")
Menschenrecht auf Religionsfreiheit, oder folgen sie aus den Toleranzpostulaten
einer religiösen Rechtsordnung?
Bezogen auf die religiösen Minderheiten in
den islamischen Ländern entspann sich eine Kontroverse über die
Bedeutung des traditionellen islamischen dhimma-Systems. Die islamischen
Schutzbefohlenen (dhimmis), so betonte Kamal Abulmagd, seien den Muslimen
rechtlich völlig gleichgestellt. Er berief sich dabei auf den Koranvers:
"Kein Zwang in der Religion" (Sure 2,256). Abulmagd räumte zwar ein,
daß es hier und da bei der praktischen Umsetzung dieses Postulates
Unzulänglichkeiten geben möge. Im Prinzip aber könne von
einer Diskriminierung der dhimmis keine Rede sein. Ganz anders sah dies
Samir Khalil Samir, der sich als arabischer Christ nicht mit einer gleichsam
von oben "gnädig verliehenen" Rechtsstellung zufrieden geben wollte,
und zwar selbst für den hypothetischen Fall, daß diese Stellung
auf eine Privilegierung der Minderheiten hinauslaufen würde. Anstelle
einer lediglich "verliehenen" Rechtsposition innerhalb einer religiösen
Rechtsordnung verlangte er die Anerkennung prinzipieller Gleichberechtigung
schon bei der Konstituierung der Rechtsordnung, die dementsprechend säkular
sein müsse. Samir würdigte das islamische dhimma-System als eine
historische Errungenschaft (auf die der Islam im übrigen kein Monopol
beanspruchen könne), lehnte es aber für die Moderne als unzureichend
ab.
Im Anschluß an die Ausführungen von
Samir unterstrich Jacques Waardenburg die Bedeutung der allgemeinen Staatsbürgerschaft,
die in der Tat ein "Schlüsselkonzept" moderner Integration darstelle.
Er verwies auf die unterschiedlichen rechtlichen Regelungen bei der Verleihung
der Staatsbürgerschaftsrechte an Migranten in Europa und kritisierte
in diesem Zusammenhang namentlich Deutschland wegen seiner restriktiven
Einbürgerungspolitik.
Tariq Ramadan, Philosophiedozent an der Universität
von Fribourg, äußerte sich optimistisch über die längerfristigen
Chancen islamischer Minderheiten in Europa. Zwar hätten die Muslime
damit zu kämpfen, daß es ihnen aufgrund ihrer Gastarbeiterherkunft
immer noch an Einfluß in der Gesellschaft mangele; vielfach litten
sie auch unter dem "Afghanistan-Syndrom", d.h. den negativen Rückwirkungen
der internationalen Politik auf die innergesellschaftlichen Debatten. Da
die normativen Prinzipien der europäischen Verfassungen und die religiös-ethischen
Normen des Islams jedoch miteinander kompatibel seien, sah Ramadan durchaus
Möglichkeiten zu einer aktiveren Rolle der islamischen Minderheiten
in Europa, die es zu nutzen und auszubauen gelte. Die islamische Scharia
stelle dafür kein Hindernis dar, da sie - bei Wahrung der zentralen
Prinzipien - für eine dynamische Anpassung an die neue kulturelle
Umwelt offen sei.
Auch Andrea Pacini meinte, daß es keinen
Widerspruch zwischen Befolgung der Scharia und Rechtsgehorsam gegenüber
der europäischen Rechtsordnung geben müsse. Voraussetzung dafür
sei jedoch, daß die Scharia analog zum kanonischen Recht als ein
innerkommunitäres Regelwerk ohne eigene Zwangsbefugnis verstanden
werde. Wie es den Katholiken freigestellt sei, trotz der staatlichen Möglichkeit
der Ehescheidung den strengeren Normen des kanonischen Rechts zu folgen
(und eine Scheidung daher auszuschließen), so könnten analog
auch Muslime ihr Familienleben an den Normen der Scharia ausrichten, ohne
daß dies allerdings Konsequenzen für die staatliche Rechtsordnung
haben dürfe.
Ataullah Siddiqui konzentrierte sich in seinen
Ausführungen auf das Verhältnis der muslimischen Minderheit in
Großbritannien zu den anderen Religionen. Er stellte heraus, daß
die christlichen Kirchen (und nicht der Staat) sich als erste um die muslimischen
Immigranten gekümmert hätten. Die interreligiösen Beziehungen
hätten sich in Großbritannien daher von Anfang an positiv entwickelt.
Mittlerweile gebe es ein interreligiöses Netzwerk, das auch post-islamische
Religionen wie die Baha'i mitumfasse. Als besondere Errungenschaft nannte
Siddiqui den 1997 veröffentlichten "Islamophobia Report".
Sehr gegensätzliche Ansichten wurden zur Thematik
eigenständiger islamischer Schulen geäußert. Einige Teilnehmer,
etwa Peter Graf und Ziauddin Sardar, äußerten sich prinzipiell
ablehnend gegenüber separaten religiösen Schulen, in denen sie
einen Ausdruck von Desintegration bzw. Ghettoisierung sahen. Eher skeptisch
äußerte sich auch Anne Sofie Roald, Religionshistorikerin von
der Universität Lund in Schweden. Als Muslimin wisse sie zwar um die
Bedeutung islamischer religiöser Erziehung, für die in den öffentlichen
schwedischen Schulen kein Raum gegeben sei. In ihren empirischen Feldforschungen
zu islamischen Schulen sei sie aber zu dem Ergebnis gekommen, daß
die meisten (nicht alle!) der von ihr untersuchten Schulen die Schülerinnen
und Schüler nur unzureichend auf ein Leben in der schwedischen Gesellschaft
vorbereiten. Im Gegensatz zu dieser kritischen Einschätzung zeichnete
Ataullah Siddiqui eine positive Bilanz des islamischen Schulwesens in Großbritannien.
Mittlerweile seien sogar manche Christen an diesen Schulen beteiligt. Für
eigenständige islamische Schulen sprach sich auch Tariq Ramadan aus.
Es sei nicht hinzunehmen, daß der Staat einerseits die ethische Erziehung
der Kinder und Jugendlichen vernachlässige und andererseits den Muslimen
beim Aufbau ihrer eigenen religiös-ethischen Erziehungsinstitutionen
Hindernisse in den Weg lege.
Ähnlich wie bei der Bewertung eigenständiger
islamischer Schulen standen die Positionen auch in der Frage eines eigenständigen
islamischen Religionsunterrichtes innerhalb des öffentlichen Schulwesens
gegeneinander. Während Peter Graf jede religiös-konfessionelle
Separierung der Schülerinnen und Schüler für problematisch
hielt und für einen integrativen, konfessionsübergreifenden Unterricht
plädierte, erklärte Ismail bin Ibrahim jede gemeinsame religiöse
Erziehung von Muslimen und Nicht-Muslimen von vornherein für unmöglich.
Obbjorn Leirvik und Kari Vogt äußerten sich kritisch zu dem
in Norwegen jüngst erst etablierten allgemeinen religionskundlichen
Pflichtunterricht, der auf eine Diskriminierung der nicht-christlichen
Minderheiten hinauslaufe. Deutlich werde dies bereits im Titel des Unterrichts:
"Kenntnis der christlichen Religion und Informationen über andere
Religionen und Weltanschauungen". Gegen diesen Pflichtunterricht, so Leirvik
und Vogt, sei gerichtliche Klage erhoben worden, und zwar in einer bemerkenswerten
Gemeinschaftsaktion der islamischen Minderheit, der jüdischen Minderheit
und der säkularen Humanisten. Udo Steinbach erwähnte, daß
die Frage des Religionsunterrichts auch in Deutschland derzeit umstritten
sei. Er verwies auf das im November 1998 ergangene Urteil des Oberverwaltungsgerichts
Berlin, das der Islamischen Föderation das Recht zur Erteilung islamischer
religiöser Unterweisung an Berliner Schulen zuerkannt habe. Es gebe
Besorgnisse, daß dieses Urteil der Verbreitung eines türkisch
geprägten islamischen Fundamentalismus Vorschub leisten könne.
8. Die Unumgänglichkeit interkultureller
Kooperation
Das letzte Referat der Tagung schien auf den ersten
Blick allenfalls am Rande zur eigentlichen Konferenzthematik zu passen:
Nadhir al-Ansari erinnerte an die dramatischen ökologischen Probleme,
die, wenn sie nicht gelöst werden, das Überleben der Menschheit
ernsthaft zu gefährden drohen. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen
standen die Probleme der Wasserknappheit, die vermutlich nicht nur im Mittleren
Osten immer mehr zum politischen Krisenfaktor werden dürften. Al-Ansari
sprach aber auch von der drohenden Klimakatastrophe, die zum Abschmelzen
des Polareises und zu Überschwemmungen in vielen Regionen führen
kann.
Angesichts dieser menschheitsweiten Bedrohungen
erweist sich die Frage, ob ein interkultureller Dialog gelingen kann, als
eigentümlich abstrakt. Denn sicher ist, daß wir es uns gar nicht
leisten können, die politische Kooperation über nationale und
kulturelle Grenzen hinweg zu verweigern. Zum Dialog gibt es keine vertretbare
Alternative. Interkultureller und interreligiöser Dialog, auch dies
wurde abschließend noch einmal deutlich, darf kein akademischer Selbstzweck
sein. Nur wenn er sich den drängenden Problemen stellt, gewinnt er
seinen politischen und humanen Sinn. Um ein Wort von Jacques Waardenburg
aufzugreifen: "Religion ist nicht nur Sonne und Wolken; sie ist auch
Erde und Staub."
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