• CIE-INDEX •

 


Lehrerausbildung in der Türkei

 

Dr. habil.  Ayhan Aydın

Dr. Hasan Çoşkun

Hochschullehrer an der Universität Osmangazi Lehrbeauftragter an der METU (Middle East Technical Univ.)

1. Einführung

Das Ziel dieses Artikels ist die Erörterung der gegenwärtigen Lehrerausbildung in der Türkei im Hinblick auf den EU-Beitritt der Türkei und die Globalisierung. Auch in der Türkei wird bei jeder Gelegenheit auf die Bedeutung der Bildung hingewiesen. Zweifellos wird ein hohes Bildungsniveau türkischer Staatsangehöriger die sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Probleme in der Türkei reduzieren, den EU-Vollmitgliedschafts-Prozeß beschleunigen und die Integration im Ausland - vor allem in Deutschland - erleichtern.   Bereits in den ersten Jahren der Republik Türkei wurde der laizistischen Bildung großer Wert beigemessen, wodurch ein neuer Menschentyp herangebildet (geschaffen) werden sollte. Schon zum Zeitpunkt der Gründung der Türkischen Republik war es eindeutig, dass bei der Schaffung einer säkularen Gesellschaft die Lehrerausbildung eine große Rolle spielt.  Daher wurden einerseits die zukünftigen Lehrer ins Ausland geschickt und andererseits ausländische Pädagogen in die Türkei eingeladen (Aktaş, 1985:25; Binbaşıoğlu, 1995:189 ff.; Akkutay, 1996).

Die Lehrerausbildung im Osmanischen Reich und später in der Republik Türkei hat eine 150jährige Tradition. Die Lehrerausbildung seit der Gründung der Republik 1923 ist allerdings säkular.  Doch erst in dieser Zeit wurde der Grundstein für eine umfassende Volksbildung gelegt. Seitdem ist eine ständige Ausweitung erfolgt, die sowohl die quantitative als auch die inhaltliche und qualitative Dimension betrifft und in der Lehrerausbildung ihren Niederschlag gefunden hat. In der gegenwärtigen Situation, da sich die Türkei auf eine Mitgliedschaft in der EU vorbereitet, kommen nun völlig neue Aufgaben auf die national strukturierten Bildungsinstitutionen zu, die kaum in dem gewohnten Rahmen bewältigt werden können.

Um die bisherigen Anstrengungen der Republik im Bildungsbereich würdigen zu können, ist es angebracht, zunächst einmal einen Blick auf die quantitative Entwicklung zu werfen, die bis heute ein herausragender Faktor ist:

Schulentwicklung in den Primar- und Sekundarstufen

 

Schuljahr

Zahl der Schulen

Schülerzahl

Lehrerzahl

1923 / 1924

5 133

361 514

12 266

2000 / 2001

57 985

15 820 534

543 277

Koeffizientszahl

10

43

43

Aus der Tabelle geht hervor, dass seit der Gründung der Republik  die Zahl der Schulen um das 10-fache gestiegen ist und sich die Zahl der Schüler und Lehrer um das 43-fache erhöht hat. Das hat dazu geführt, dass die Klassenstärke oft zu groß ist und dass oft die Schüler in zwei Zügen (vormittags eine Gruppe und nachmittags eine andere Gruppe) dieselbe Schule besuchen.

Die erst 1997 von 5 auf 8 Jahre ausgedehnte Schulpflicht brachte einen rapiden Anstieg am Lehrerbedarf mit sich. Im Schuljahr 2001 / 2002 wurden ca. 600 000 Lehrer für die Bildung von 18 Millionen Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen eingesetzt. Die Erhöhung des Schulbesuchs von 11 auf 12 Jahre, was nach EU-Bildungskriterien unerlässlich ist, wird in den Regierungskreisen ernsthaft diskutiert (Melek, 2002)). Für die erfolgreiche Durchführung eines 12jhrigen Schulbesuchs müssen mindestens 60 000 zusätzliche Lehrerstellen besetzt werden. Diese Zahlen zeigen, dass es in der Lehrerausbildung eigentlich um die Bildung einer sehr dynamischen Gesellschaft geht. Die meisten Lehrer gehen gleichzeitig einer Nebenbeschäftigung nach, da ihre Gehälter sehr niedrig sind. Dies beeinträchtigt die Qualität des Unterrichts.

 



2. Allgemeine Ziele der türkischen nationalen Bildung

Um die Struktur der türkischen Lehrerausbildung zu verstehen, ist es sehr wichtig, zunächst die türkischen Bildungsziele in den Verfassung und im Schulgesetz darzulegen, da die Hauptaufgabe der türkischen Lehrer in derer  Verwirklichung liegt.  Die Bildungsziele sollten die Demokratisierung der jeweiligen Gesellschaft in den Vordergrund stellen und eine Vielfalt der Bildungsinhalte und -wege anvisieren. Daher sollte der Unterricht schülerzentriert sein. Die Lehrer und Schüler sollten die Möglichkeit haben, die Inhalte selbst zu bestimmen. Bei der Gründung der Republik Türkei war es das vorrangigste Ziel des nationalen Bildungswesens, einen zeitgenössischen Menschentyp heranzubilden (zu schaffen). Im einzelnen wurden folgende Aufgaben formuliert:

1. die Heranbildung (Schaffung) von Staatsbürgern, die sich zu den Reformen Atatürks und dem zu Anfang in der Präambel des Grundgesetzes zum Ausdruck gebrachten  Nationalismus Atatürks bekennen, die die nationalen, ethischen, ideellen, historischen und kulturellen Werte der türkischen Nation verinnerlicht haben, sie schützen und weiterentwickeln werden, die ihre Familie, ihr Vaterland und ihre Nation lieben und jeder Zeit hochzuhalten bereit sind, die ihre Pflichten und Verantwortung gegenüber der Republik Türkei als einem demokratischen, laizistischen und sozialen Rechtsstaat, der auf  den Menschenrechten und den  im Grundgesetz genannten Grundprinzipien beruht, kennen, und die sich entsprechend diesen Prinzipien verhalten,

2. die Heranbildung (Schaffung) von konstruktiven, schöpferischen und produktiven Persönlichkeiten, die über einen im Hinblick auf Körper, Verstand, Psyche und Gefühle ausgeglichenen und gesund entwickelten Charakter verfügen, über eine eigenständige und wissenschaftliche Denkweise und über ein weitgefächertes Weltbild, die die Menschenrechte respektieren und  auf die Entwicklung ihrer Persönlichkeit und Initiativen Wert legen sowie  sich der Gesellschaft gegenüber verantwortlich fühlen,

3. die Vorbereitung der Jugend auf das zukünftige Leben durch Vermittlung der für eine Entwicklung von Interessen, Neigungen und Fähigkeiten nötigen Kenntnisse, Fertigkeiten und Verhaltensweisen verbunden mit Arbeitsamkeit und der Erlernung eines Berufes, der die Betreffenden mit Zufriedenheit erfüllt und ihnen ermöglicht, einen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft zu leisten (MEB, 2000:3).

Nach derselben Quelle wird  diesen Zielen und Aufgaben generell bezweckt, einerseits den Wohlstand und das Wohlbefinden der türkischen Staatsbürger und der türkischen Gesellschaft zu erhöhen, andererseits in nationaler Einheit und Geschlossenheit die soziale und kulturelle Entwicklung zu fördern und zu beschleunigen und schließlich  die türkische Nation zu einem konstruktiven, schöpferischen und bedeutenden Partner der zeitgenössischen Zivilisation zu machen.

Außer diesen oben zitierten umfangreichen allgemeinen Zielen hat die Türkei durch die Unterzeichnung der Urkunden für Menschenrechte (zum Beispiel UNESCO-Abkommen, CHARTA der Vereinigten Nationen, Abkommen für Kinderrechte) und des Nationalprogramms bezüglich des EU-Beitritts bekundet, dass sie sich auch die gegenwärtigen Bildungsbestrebungen  zu eigen macht. Die Realisierung der Bildungsziele auf der regionalen, nationalen, auf der Ebene der EU sowie auf der internationalen Ebene bedarf allerdings einer dem Informationszeitalter entsprechenden Bildungspolitik. Die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung in der Türkei zeigt, dass die oben aufgeführten allgemeinen Bildungsziele  seit der Gründung der Republik Türkei nur teilweise realisiert werden konnten. Der Hauptgrund liegt darin, dass sich die politischen Gruppierungen, deren Ziele z.B. Nationalismus, Fundamentalismus,  Zivilisation  (West-Europa) und Globalisierung sind, auf einen Konsens nicht einigen konnten bzw. können. Auch Bademci (2000:148 ff) weist zurecht darauf hin, dass es nicht möglich ist, in türkischen Bildungsanstalten im Lichte der derzeitigen Bildungsziele Menschen für das Informationszeitalter auszubilden, und dass deswegen die Bildungsziele aus den Grundprinzipien des Grundgesetzes neu zu formulieren sind.
 



3. Neubestimmung der allgemeinen Ziele

Wie oben erwähnt, gibt es eine Reihe von Gründen für die Neubestimmung der allgemeinen Bildungsziele. Das Hauptproblem ist nicht mehr der Aufbau eines nationalen Staates und Aufrechterhaltung dessen Existenz. Es geht vordergründig um die Ausbildung von Menschen einer dynamischen Gesellschaft, die zunächst geo-politisch für die Welt eine bedeutende Rolle spielt.

Fremdsprachige Bildungseinrichtungen von der Primarschule bis zur Universität und eine Vielzahl von Schülern, Studenten und Lehrern im Ausland tragen nicht wenig zur Internationalisierung des türkischen Schulwesens bei. Außerdem hat sich  der Wirkungsbereich des türkischen Bildungswesens ausgedehnt. Nunmehr geht es auch um Bildungsangebote für die türkischen Familien im Ausland sowie um Unterstützung  der Turkrepubliken und der Menschen türkischer Abstammung in verschiedenen Ländern. Dabei spielen zusätzlich die von religionsnahen türkischen Stiftungen in vielen Ländern eröffneten Schulen eine große Rolle.

Eine weitere Aufgabe ergibt sich daraus, dass die Zahl der Menschen, die aus der EU, dem Balkan, Osteuropa, Mittelasien und aus den Ländern der Dritten Welt aus verschiedenen Motiven  in die Türkei kommen, ständig zunimmt. Auch diese Menschen sind auf die Bildungsangebote in der Türkei angewiesen, denn in der Türkei sind internationale Schulen noch nicht verbreitet. Aus diesem Grunde werden die türkischen Bildungsinstitutionen in Zukunft auch Menschen ohne türkische Staatsangehörigkeit mehr Bildungsmöglichkeiten anbieten müssen. Außerdem wird der Einfluss des Globalisierungsprozesses und der internationalen Massenmedien auf die türkische Gesellschaft eine Neubestimmung der Bildungsziele unumgänglich machen. Diese vielfältige Entwicklung ist ein Zeichen dafür, dass auch für die Türkei  über Nationalismus, Fundamentalismus und Liberalismus hinaus, die einen politischen Gegenstand bilden, in Hinblick auf Europa die Bestrebungen nach Pluralismus angesagt sind. Dies ist als Herausforderung der heutigen Zeit zu betrachten.

Zusammenfassend bedürfen folgende Faktoren der türkischen Bildungsziele einer Neubestimmung:

- Kulturelle und sprachliche  Vielfalt in der Türkei;

- Binnen-, Aus- und Rückwanderung;

- Erwartungen türkisch - stämmiger Völker bzw. Gruppen in verschiedenen Ländern;

- Kopenhagener Kriterien hinsichtlich der EU-Vollmitgliedschaft der Türkei in sozialen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereichen;

- Globalisierung und Einfluss der internationalen Massenmedien;

- Nationales Programm bezüglich der EU-Vollmitgliedschaft.



4. Zur  geschichtlichen Entwicklung der Lehrerausbildung in der Türkei

In Anatolien  ist man seit ca. 150 Jahren um ein adäquates Modell für die Lehrerausbildung bemüht. Bisher konnte in der Lehrerausbildung eine Kontinuität nicht geschaffen werden, da die Namen und Lehrpläne der Lehrerbildungsanstalten ständig geändert wurden. Bevor die Lehrerausbildung im Jahre 1982 den Universitäten unterstellt wurde, wurden die Grundschullehrer an den Lehrerschulen (vierjährige Schulen im Anschluss  an die Mittelschule) und die Lehrer für die Sekundarstufe (Mittelschule und Gymnasium) an den pädagogischen Instituten ausgebildet. Auch die Universitätsabsolventen (Fakultäten für Natur- und  Literaturwissenschaften) wurden als Mittelschul- bzw. Gymnasiallehrer eingestellt. Es wird oft behauptet, dass in dieser Periode die Lehrer praxisorientiert ausgebildet wurden.    In den 70er Jahren wurden kurzfristige Lehrbefähigungskurse errichtet, um den Lehrermangel auszugleichen. An der Qualität dieser Kurse zum Erlangen der Lehrbefähigung wird immer noch sehr gezweifelt.

Die Pädagogischen Hochschulen wurden 1982 den Universitäten unterstellt und an mehreren Universitäten Pädagogische Fakultäten errichtet.  Man hoffte, das Problem der Lehrerausbildung dadurch endgültig gelöst zu haben (Bakırcıoğlu 2000:206). Aber Anfang der 80er Jahre wurde schon deutlich, dass an Universitäten Lehrer in gewünschter Qualität und Zahl nicht ausgebildet wurden. Auch in dieser Periode stellte man wegen des Lehrermangels Personen als Lehrer ein, die mit dem Lehrerberuf bis dahin nichts zu tun gehabt hatten. Das Studienprogramm für die Lehrerausbildung war in diesem Zeitabschnitt stark theoretisch. Die Hochschullehrer kamen überwiegend aus den Fakultäten für Natur- und Literaturwissenschaften. Aus diesem Grunde konnte zwischen der Theorie und Praxis die erforderliche Zusammenarbeit nicht hergestellt werden. Gegenwärtig werden die Lehrer für die Primarstufe (die ersten 8 Schuljahre) nur an Pädagogischen Fakultäten ausgebildet. Um schon in der Sekundarstufe erfolgreiche Schülerinnen und Schüler für das Lehrerstudium zu gewinnen, wurden Anadolu - Lehrergymnasien eingerichtet. Der Unterricht an diesen Fachgymnasien wird überwiegend in einer Fremdsprache (meistens Englisch) erteilt. Im Rahmen der EU-Bestrebungen wurde an diesen Gymnasien eine zweite Pflichtfremdsprache (meistens Deutsch) eingeführt. Die Absolventen dieser Gymnasien bekommen bei der Hochschulaufnahmeprüfung zusätzliche Punkte, wenn sie sich für ein Studium an Pädagogischen Fakultäten entscheiden. Diese Studenten bekommen dann vom Ministerium für Nationale Erziehung Stipendien. Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit entscheiden sich zunehmend gute Gymnasiasten für die Lehrerausbildung.

5. Der Hochschulrat und Neustrukturierung der Lehrerausbildung

Der Hochschulrat ist eine Organisation mit zentraler Struktur. Diese Organisation verfügt bezüglich des Hochschulwesens über jegliche Befugnisse. Aus diesem Grunde sind die Universitäten akademisch und verwaltungsgemäß nicht autonom. Die Struktur und die Existenz dieser Organisation stoßt in breiten Kreisen auf harte Kritik.  Um die Qualität der Lehrerausbildung zu verbessern, wurden  im Studienjahr 1998/99 im Rahmen eines Weltbank-Projekts die Pädagogischen Fakultäten reorganisiert. In einem Papier des Ministeriums für Nationale Erziehung (MEB, 2000a:2), in dem die Ergebnisse einer Studie zum Thema ‚Lehrerqualifikationen’ veröffentlicht wurden, wird der Hochschulrat bezüglich der Reorganisation der Pädagogischen Fakultäten wie folgt zitiert: “Die Studienprogramme der Lehrerbildungsanstalten waren bis vor kurzem sehr unterschiedlich. Außer der Bedingung, dass die Veranstaltungen für die Lehrbefähigung mindestens einen Umfang von 21 Wochenstunden haben müssen, gab es zwischen den Lehrerbildungsanstalten, obwohl sie denselben Lehrer ausbilden, in bezug auf Veranstaltungen, Bewertungssysteme und Stundenzahl keine Einheit. Zur Vereinheitlichung der Programme an den Pädagogischen Fakultäten wurden durch den Hochschulrat wichtige Schritte unternommen. Dennoch kann es bei der Durchführung dieser Programme zu Abweichungen von den Zielen kommen, da über die Lehrerqualifikationen keine Einigung erzielt worden ist ,die dokumentiert wäre.” 

Vom Hochschulrat wurden für die Ausbildung von Primarschullehrern Lizenzprogramme (viersemestrige Studienprogramme) und für die Ausbildung von Sekundarschulstufenlehrern Magisterprogramme mit oder ohne Abschlussarbeit eingerichtet (Yükseköğretim Kurulu Başkanlığı 1998). Die Lehrerbildungsprogramme entwickelte der Hochschulrat YÖK für die Pädagogischen Fakultäten; sie ähneln im allgemeinen der vervielfältigten Form einer Schablone, die er aus den USA übernommen haben soll, obwohl die Bedingungen in jeder Hinsicht sowohl in der Türkei als auch in den USA kaum zu vergleichen sind (Adem 2002:7-10).

Trotz des anhaltenden Lehrermangels betont das Ministerium für Nationale Erziehung, dass außer Absolventen der Pädagogischen Fakultäten niemand als Lehrer eingestellt werden soll und dass keine kurzfristigen Kompaktkurse für den Erwerb der Lehrbefähigung errichtet werden sollen. Die Praxis zeigt aber, dass die Beibehaltung dieser Regelung nicht möglich sein wird, weil zum einen an den Pädagogischen Fakultäten nicht für jedes Unterrichtsfach Lehrer ausgebildet werden, und zum anderen die Kapazität der Pädagogischen Fakultäten nicht ausreichend ist. Einen Sonderfall bildet die Ausbildung der Religionslehrer. Die Lehrer für zwei Pflichtfächer "nationale Sicherheit" und "Religionsunterricht" werden nicht an den pädagogischen Fakultäten ausgebildet. Obwohl in europäischen Ländern mittlerweile die Errichtung der Studiengänge für die Ausbildung von Lehrern für den islamischen  Unterricht diskutiert wird, gibt es scheinbar in der Türkei bestimmte Bedenken  gegen die Integration  der Ausbildung für die Religionslehrer an die Pädagogischen Fakultäten. Da an den Pädagogischen Fakultäten keine entsprechenden Studiengänge vorhanden sind, haben diese Aufgabe die Theologischen Fakultäten übernommen. Somit sind diese Fakultäten zu wichtigen Lehrerbildungsanstalten geworden. Schließlich hat auch der Hochschulrat trotz seiner früheren Erklärungen Anfang 2001 den Pädagogischen Fakultäten die Genehmigung zur Durchführung von kurzfristigen (einsemestrigen) Kursen zur Erlangung der Lehrbefähigung in Türkisch und Mathematik erteilt. Außerdem werden zur Zeit durch Fernstudium Englischlehrer ausgebildet.

Es ist nicht zweckmäßig, dass die Lehrerausbildung seitens des Hochschulrats anhand einer unveränderlichen „Schablone“ auf einen bestimmten Studentenkreis eingeschränkt wird, da dies jegliche Zusammenarbeit behindert. Daher sollte der Hochschulrat  eine Zusammenarbeit zwischen Fachgebieten, Fakultäten, Universitäten und Ausland fördern. Nach diesem vom Hochschulrat entwickelten starren System können keinesfalls Lehrer ausgebildet werden, die regional, national und international einsetzbar wären.  Hier sei beispielsweise darauf hingewiesen, dass es in den Lehrerausbildungsprogrammen bisher keine einzige Veranstaltung über Migration gibt, obwohl  seit 40 Jahren türkische Lehrer für den Auslandsschuldienst entsandt werden (Coşkun 1999:163). Auch für eine Lehrerausbildung im Hinblick auf die Europäische Union wären die Veranstaltungen zum Thema Migration  ein erster Einstieg.
 



6. Struktur des neuen Studienplans für die Lehrerausbildung

Sowohl in den betreffenden Dokumenten des Hochschulrats als auch in denen des Ministeriums für Nationale Erziehung besteht das Lehrerbildungssystem aus drei Teilbereichen “allgemeine Kultur”, “Fachwissen” und “Lehrqualifikationen”. Auch in anderen Ländern steht die Lehrerbildung auf drei Säulen. Aber keine davon ist „allgemeine Kultur“ oder der Fremdsprachenunterricht, weil man davon ausgeht, dass die Lehreranwärter diese Kenntnisse in der Primarschule und in der Sekundarstufe ausreichend erwerben. Die drei Bereiche der Lehrerausbildung sind dort allgemeine Didaktik, Fachkenntnisse und Fachdidaktik. Die Veranstaltungen in diesen drei Bereichen sind nach Möglichkeit von Studienbeginn an interdisziplinär zu organisieren. Eine solche Vorgehensweise gibt dann dem Lehreranwärter die Möglichkeit, die Lehrer-Persönlichkeit zu entwickeln. Es ist eindeutig, dass bei der Neustrukturierung der Lehrerausbildung in der Türkei diese universelle Diskussion nicht berücksichtigt worden ist. Dieselbe Kritik gilt auch für die Lehrerausbildung der Sekundarstufe mit oder ohne Magister-Abschlussarbeit.
 



7. Lizenz-Studienprogramm für Türkischlehrer in der Primarstufe (8 Schuljahre)

Die Ausbildung der Lehrer für den Sprachunterricht ist in jedem Land von großer Bedeutung. Denn im Sprachunterricht besteht die Möglichkeit, einerseits vielseitig fächerübergreifend zu arbeiten und andererseits sich auf die Zielgruppe auf der regionalen, nationalen und internationalen Ebene einzustellen. Im Ausland werden in der Regel ausländische Lehrer für den Sprachunterricht und / oder für die Landeskunde eingesetzt. Daher werden vor allem in Industrieländern Sprachlehrer differenziert ausgebildet. Zum Beispiel gibt es in Deutschland in der Sprachlehrerausbildung Veranstaltungen wie Deutsch als Muttersprache, Deutsch als Zweitsprache und Deutsch als Fremdsprache. Außerdem werden Lehrer für Migrantenkinder ausgebildet. 

Um darzulegen, inwieweit die internationale Diskussion bei der Neustrukturierung der Lehrerausbildung  berücksichtigt worden ist, wird das Studienprogramm für die Türkischlehrer-Ausbildung auf der Basis der vorgeschriebenen Veranstaltungen erörtert. In der Türkei werden Lehrer grundsätzlich für ein Unterrichtsfach ausgebildet. Seit einigen Jahren wird die Lehrerausbildung mit einem Haupt- und mit einem Nebenfach  diskutiert. Türkisch-Lehreranwärter nehmen zum Beispiel als Nebenfach Sozialkunde. In der Tabelle im Anhang sind die Veranstaltungen aufgeführt, die im Rahmen eines Lehrerstudiums für das Unterrichtsfach Türkisch obligatorisch sind. 

Dieser Tabelle ist es zu entnehmen, dass  im Vergleich zu dem alten Studienplan im neuen der praktischen Ausbildung mehr Platz eingeräumt wird. Trotz der Anadolu -Lehrergymnasien verfügen die Lehreranwärter oft über schwache Fremdsprachenkenntnisse. Daher ist es sehr notwendig, dass in der Lehrerausbildung auch Fremdsprachenkurse angeboten werden. Im derzeitigen Studienprogramm  werden nur zwei Semester lang zwei Kurse mit jeweils 3 (insgesamt 6) Wochenstunden angeboten. Mit guten Fremdsprachenkentnissen hätten die Lehrer die Möglichkeit, z.B. einen Teil ihres Studiums im Ausland zu realisieren bzw. an den Studienprogrammen in der Europäischen Union teilnehmen zu können. Die in der Spalte für allgemeine Kultur aufgeführten obligatorischen Veranstaltungen sind in der Regel über türkische Sprache und Literatur. Aber ein zeitgenössisches Studienprogramm sollte multikulturellen und multilingualen Charakter aufweisen.

Außerdem werden in diesem Studienplan die Grundveranstaltungen wie pädagogische Psychologie, Philosophie, Soziologie, Bildungspolitik, Bildungsverwaltung, Geschichte der Zivilisation, vergleichende Pädagogik und Auslandsbeziehungen nicht angeboten. Daher haben die Studenten kaum die Möglichkeit, sich mit Bildungsfragen in Bezug  auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Weltgeschehens auseinanderzusetzen. Der Studienplan berücksichtigt z.B. sprachlich, kulturell und wirtschaftlich geprägte  regionale Bedingungen nicht. Im Studienprogramm fehlen z.B. zeitgenössische Weltliteratur, europäische Literatur im 20. Jahrhundert, vergleichende Literatur, Kulturgeschichte, Englisch, Deutsch usw. Dadurch hätten die Lehreranwärter die Möglichkeit, die türkische Sprache auf der internationalen Ebene zu betrachten, mit anderen Sprachen zu vergleichen und fachdidaktische Folgerungen zu ziehen.
 



8. Schlussfolgerungen

Die Türkei ist herausgefordert - angefangen mit den allgemeinen pädagogischen Zielen -, in der Lehrerausbildung ernsthafte Reformen einzuleiten, da die Lehrerausbildung für die gesellschaftliche Entwicklung ein wichtiger Faktor ist. Es darf in den Bildungsreformen nicht einfach darum gehen, die Schulpflicht zeitlich zu verlängern, die Unterrichtskapazitäten dem Bevölkerungswachstum entsprechend auszuweiten und rechtliche Vorgaben zu schaffen, Bildungsprogramme (-ansätze) vom Ausland zu übernehmen, sondern es müssen Individuen herangebildet werden, die diese neuen Aufgaben  übernehmen und erfüllen. Dabei spielt die Lehrerausbildung eine wichtige Rolle. Für eine internationalen Standards entsprechende Lehrerausbildung schlagen wir folgende Maßnahmen vor:

* Die Bildungsziele, zu deren Realisierung vordergründlich Lehrer eingesetzt werden, sind auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene neu zu bestimmen.

* Die Lehrerausbildung soll ausgehend vom Bedarf auf der regionalen, nationalen und internationalen Ebene mit  einem interdisziplinären Ansatz auf der Basis der allgemeinen Didaktik, Fachdidaktik und der Fachwissenschaft strukturiert werden.

* Die Zusammenarbeit zwischen dem Hochschulrat (YÖK), Universitäten,  Fakultäten, Fachbereichen, Schulen und Initiativgruppen sowie dem Ausland soll intensiviert werden.

* Jede pädagogische Fakultät soll die Möglichkeit haben, eigenständig das Lehrangebot zu bestimmen und im Ausland Partnerschaften zu schließen.

* Die Zahl der Pflichtveranstaltungen soll verringert und die Zahl der Wahlveranstaltungen erhöht werden.

* Auslandsaufenthalte sollen ein unverzichtbarer Bestandteil der Lehrerausbildung sein.

* Die Fremdsprachkenntnisse der türkischen Lehrer sollen auch während des Studiums  dermaßen gefördert werden, dass sie mit ihren ausländischen Kollegen pädagogische Inhalte diskutieren können und gegebenenfalls in einer Fremdsprache unterrichten können (Freizügigkeit auch für türkische Lehrer)

* Muttersprache, Amtssprache, Unterricht in der Muttersprache und in der Fremdsprache,  Zweisprachigkeit, Mehrsprachigkeit sollen auch in der Lehrerausbildung sachlich diskutiert werden,  wobei  globale Entwicklungen mitzuberücksichtigen sind.

* Lehrer für Religionsunterricht, dessen Teilnahme freiwillig sein soll, sollen an pädagogischen Fakultäten in Zusammenarbeit mit theologischen Fakultäten ausgebildet werden. Diese Lehrer sollen dermaßen ausgebildet werden, dass sie einen laizistischen    Religionsunterricht im Zusammenhang mit dem interreligiösen Dialog als Bereicherung der   interkulturellen   Erziehung - gegebenenfalls in zwei Sprachen - erteilen können. 

______________________________________

Literatur

Adem, Mahmut  (2002) Öğretmenin Niteliği Neden Önemlidir? Öğretmen Dünyası, Sayı 270, Ankara.

Akkutay,  Ülker  (1996) Milli Eğitimde Yabancı Uzman Raporları - Atatürk Dönemi, Avni Akyol Ümit Kültür

      ve Eğitim Vakfı, Ankara

Aktaş, Yaşar (1985) Das Bildungswesen in der Türkei, Express Edition, Berlin.

Bademci (2000) Türkiye'deki Okullar Ne İşe Yara? Başkent Yayın, Ankara.

Bakırcıoğlu, Rasim (2000) Çağdaş Öğretmeni Ne Zaman Yetiştireceğiz? in: Coşkun, Hasan (Hrsg.) Öğretmenlik

      Mesleği - Türkiye - Almanya ve Kıbrıs'ta Öğretmen Yetiştirme, CTB Yayını, Ankara. 

Binbaşıoğlu, Cavit (1995) Türkiye'de Eğitim Bilimleri Tarihi, Araştırma - İnceleme Dizisi, ME, Ankara.

Coşkun, Hasan (1999) Öğretim Teknolojisi Açısından Yurtdışı Öğretmenliği, KAS ve Eğitim - Sen, Ankara.

MEB (2000) 2001 Yılı Başında Milli Eğitim, Ankara 2000.

MEB Öğretmen Yetiştirme ve Eğitimi Genel Müdürlüğü (2000a) Öğretmen Yeterlilikleri (Taslak), Ankara.

Melek , Mustafa (2002) Liseler Dört Yıla Çıkarken,  Radikal vom 14.07.2002

Yükseköğretim Kurulu Başkanlığı (1998) Eğitim Fakültesi Öğretmen Yetiştirme Lisans Programları, Ankara.

 



Anhang: Lizenz-Studienprogramm für Türkischlehrer in der Primarstufe (8 Schuljahre)
 

Hauptfach

Nebenfach (Sozialkunde)

Pädagogik

Allgemeine Kultur

Türkische Sprache I: Phonetik

Geschichte der Zivilisation

Einführung in den

 Lehrerberuf

Fremdsprache I

Türkische Sprache II: Grammatik

Türkische Geschichte und

 Kultur III

Schulerfahrung I

Fremdsprache II

Türkische Sprache III: Syntax

Einführung in die Geographie

Entwicklung und Lernen

Kemalistische Prinzipien

und Revolutionsgeschichte I

Türkische Sprache IV: Semantik

Ländergeographie

Unterrichtsplanung und Bewertung

Kemalistische Prinzipien

und Revolutionsgeschichte II

Textgrammatik

Geographie und Geopolitik der Türkei 

Klassenleitung

Computer

 Türkisch der  Osmanen I

Staatsbürgerkunde

Bildungstechnologien

und Materialentwicklung

 

 Türkisch  der Osmanen II

Fachunterricht für Sozialkunde

Fachdidaktik III

 

Schriftliche Erzählung I

 

Schulerfahrung II

 

Schriftliche Erzählung II

 

Beratung

 

Mündliche Erzählung

 

Fachpraktikum

 

Erzählungstechniken: Lesen und Hören

 

 

 

Rede- und Schreibunterricht

 

 

 

Sprache und Kultur

 

 

 

Alttürkisch und Textanalyse

 

 

 

Türkisch  Mittelstufe und Textanalyse

 

 

 

Lebende Türkischdialekte

 

 

 

Türkei – Türkisch

 

 

 

Literaturkenntnisse und Theorien

 

 

 

Alttürkische Literatur I

 

 

 

Alttürkische Literatur II

 

 

 

Moderntürkische Literatur I

 

 

 

Moderntürkische Literatur II

 

 

 

Türkische Volksliteratur

 

 

 

Zeitgenössisches Türkisch Literatur

 

 

 

Kinderliteratur

 

 

 

Theater und Darstellung

 

 

 

Fachgebundene Lehrbuch - Analyse

 

 

 

Gesamtkreditzahl                   75

20

33

14

Dr. Ayhan Aydın: e-mail: aaydın@ogu.edu.tr     &       Dr. Hasan Coşkun:    e-mail: hcoskun@bir.net.tr

 

• CIE-INDEX •

 

Web master: Herman De Ley -------- Update: 16 juni 2011